Produktive Prokrastination? – Wie Du Dich sinnvoll vor unangenehmen Aufgaben drücken kannst

Produktive Prokrastination? – Wie Du Dich sinnvoll vor unangenehmen Aufgaben drücken kannst

Strukturierte Prokrastination

Eigentlich müsste ich mich gerade mit meinen Steuerunterlagen beschäftigen – stattdessen sitze ich im meinem Lieblingscafé in der Sonne und schreibe einen Blogbeitrag 😉

Schiebst Du schwierige, unangenehme oder langweilige Aufgaben manchmal vor Dir her? Suchst Du nach einer Lösung, wie Du Dir diese lästige Marotte schnellstmöglich abgewöhnen kannst? Vielleicht musst Du das gar nicht, sondern kannst Deinen Hang zum Aufschieben auch produktiv nutzen, um regelmäßig an den Dingen zu arbeiten, die Dir wirklich wichtig sind (z. B. an Deiner Abschlussarbeit).

Wäre das nicht traumhaft?

Dann ist vielleicht das Konzept der strukturierten Prokrastination etwas für Dich: Der emeritierte Stanford Professor John Perry schlägt vor, einfach nur die richtige Aufgabe ganz oben auf die Dringlichkeits-Liste zu setzen. Während Du dann diese vermeintlich gaanz wichtige Aufgabe aufschiebst, kannst Du ganz viele produktive Dinge tun.

Wie soll das funktionieren?

Das Prinzip ist eigentlich allgemein bekannt: Bei vielen Studierenden, die zur Prokrastination neigen, ist z. B. die Wohnung nie so sauber und aufgeräumt wie in der Klausurphase. Während Du eigentlich Literatur für eine Hausarbeit recherchierst, planst Du schonmal bis ins Detail Dein Auslandssemester oder Du recherchierst Karriereoptionen, während Du eigentlich dringend diesen einen nervigen Behördengang erledigen müsstest. Während des Aufschiebens tun wir also durchaus sinnvolle Dinge, nur eben nicht das, was wir eigentlich tun wollten. Kommt Dir das bekannt vor? Dann könnte strukturierte Prokrastination für Dich gut funktionieren bzw. machst Du das ja eigentlich schon. Der Clou ist nur, dass Du jetzt eben bewusst entscheidest, welche Aufgabe, ganz oben auf der Liste steht (und damit hinten runter fällt, weil Du sie aufschieben wirst) und welche Aufgaben Du dann erledigst, während Du die ach so wichtige Nr. 1 auf der Liste erfolgreich aufschiebst.

Welche Aufgaben eignen sich denn nun besonders gut für den Logenplatz auf Deiner To-Do-Liste?

Das sind Aufgaben, die scheinbar wichtig und/oder dringend sind, die Dir persönlich aber eben eigentlich doch nicht so wichtig sind, deren Deadline sich notfalls ohne negative Folgen verschieben lässt oder die Du, wenn es sein muss, eben auch unter Zeitdruck noch irgendwie erledigen kannst. Wenn Du eigentlich gerne an Deiner Abschlussarbeit arbeiten oder für eine Klausur lernen möchtest, dann lade Dir für die kommende Woche Besuch ein, den Du nicht in Deine ungeputzte/unaufgeräumte Wohnung lassen würdest. Während es dann an Dir nagt, dass Du jetzt aber endlich mal gründlich putzen müsstest, kannst Du genüsslich aufschieben und an den Dingen arbeiten, die Dir eigentlich wichtig sind. Das Putzen/Aufräumen machst Du dann mit einigen Abstrichen noch schnell, kurz bevor es an der Tür klingelt. Vielleicht musst Du für Deine Abschlussarbeit auch noch ein paar Formalitäten (dringend!!!) erledigen, für die es entweder keine feste Deadline gibt oder die Du auch kurz vor der Deadline noch zügig erledigen kannst. Die kannst Du Dir dann mit vielen Ausrufezeichen ganz oben auf die Prioritätenliste setzen. Achte aber natürlich darauf, dass Du nicht wirklich eine wichtige Deadline verpasst. Alternativ kannst Du auch ein Hobby-Projekt nehmen, das Du schon ganz lange vor hast und endlich mal machen willst (endlich zum Akrobatik-Kurs anmelden, die Stola fertig häkeln, das 1000-Teile-Puzzle lösen, vegane Kohlrouladen zaubern oder eine neue Programmiersprache lernen). Wenn Du dann durch Prokrastination dieses Hobby-Projektes erfolgreich die Klausur bestanden oder die Abschlussarbeit eingereicht hast, kannst Du die Prioritäten wieder verschieben. Während Du dann eigentlich total dringend XY tun müsstest, kannst Du Dich z. B. endlich Deinem neuen oder wiederentdeckten Hobby widmen.

Aber ist das nicht Selbstbetrug?

Kann schon sein. Aber ist Prokrastination das nicht immer ein bisschen? Mit dem kleinen Trick, die richtige Aufgabe an die erste Stelle zu setzen, kannst Du dafür sorgen, dass nicht immer dieselben Aufgaben unter der Aufschieberitis leiden, obwohl Dir diese Aufgaben eigentlich wichtig sind. Du kannst es ja mal ausprobieren und schauen, ob Dich diese Methode weiterbringt.

Wenn Du es lieber langfristig angehen und den Ursachen für das Aufschieben auf den Grund gehen möchtest, dann schau Dir unbedingt mal Jutta Wergens Blogartikel Prokrastination ist eine Lösung an. Der Artikel richtet sich zwar an Promovierende, aber die Botschaft ist universell.

Das produktive Prokrastinieren hat nämlich auch Nachteile: Das konstant schlechte Gewissen des „eigentlich müsste ich…“ schlaucht auf Dauer und macht unzufrieden. Und es kann sein, dass einige Aufgaben auch mit Spielereien der Prioritätenliste dauerhaft liegen bleiben – weil Du Angst davor hast, alleine nicht weiter weißt oder das eigentlich gar nicht machen willst. Als kurzfristige Lösung ist die produktive Prokrastination aber vielleicht trotzdem besser, als nur den Zufall entscheiden zu lassen, welche Aufgaben erledigt werden und welche dauerhaft auf dem ersten Listenplatz festkleben. Immerhin bekommt ihr so mal wieder einen Blogartikel;) Die Steuerunterlagen noch vor meinem Urlaub an meine Steuerberaterin zu schicken werde ich auch irgendwie noch rechtzeitig schaffen – spätestens wenn ich dann aufschiebe, meinen Rucksack zu packen…